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04.10.2016

Zwischen Eistee, Bagels und einer Inklusionscouch

Ein Tag im LieberTee – dem Teehaus in Merzig


Seit rund drei Monaten hat das „LieberTee – Das Teehaus in Merzig geöffnet“. Von Beginn an mit dabei ist Melitta Scherer-Hubertus. Für sie hat mit dem „LieberTee“ ein neuer Lebensabschnitt begonnen – mit der Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

Melitta Scherer-Hubertus lebt seit 2004 in der Schwemlinger „Laurentiushöhe“, einer vollstationären Einrichtung des Schwesternverbandes für Menschen mit Behinderung. Kaum zu glauben, denn die 62-Jährige wirkt nicht so, als habe sie irgendein Handicap. Routiniert  arbeitet sie im Service des „LieberTees“, nimmt Bestellungen auf, serviert Tees und Bagels und unterhält sich mit den Gästen. „Ich hatte Alkoholprobleme und kam alleine damit nicht mehr zurecht, sodass ich mir professionelle Hilfe suchte“, gesteht die gelernte Bürokauffrau.
Genauer will sie auf ihre Krankheit nicht eingehen. „Das wühlt mich zu sehr auf“, sagt sie.

Seit sechs Jahren lebt Melitta Scherer-Hubertus in einer kleinen WG, außerhalb der Kerneinrichtung. Jetzt ist sie im Rahmen einer Dezentralen Heimversorgung nach Merzig in die Innenstadt gezogen. Ein großer Schritt zu mehr Selbständigkeit, wie sie selbst sagt. „Ich bin ein Stadtmensch, freue mich drauf, denn ich hab gerne Leute um mich rum, das schenkt mir Lebensqualität. Und alles ist in der Nachbarschaft, auch meine Arbeitsstelle.“ Zuvor war sie im Service und in der Küche der „Laurentiushöhe“ tätig. Dort wurde sie optimal auf ihre Aufgaben im „LieberTee“ vorbereitet. Ihr Arbeitstag beginnt um zehn Uhr: „Morgens räumen wir erst mal auf und bereiten alles für die Öffnung um 11 Uhr vor. Wir kochen Tee auf und pürieren frisches Obst, das wir dem erkalteten Tee beimischen. Und dann bereiten wir die Zutaten für die Bagels vor.“ Die Arbeit macht Melitta Scherer-Hubertus Spaß: „Es gefällt mir sehr gut, es ist anders als das Arbeiten auf Station. Es sind andere Leute, andere Gespräche, das Publikum wechselt und es ist einfach schön aufgelockert.“ Auch vom Design des Teehauses ist sie sehr angetan. Sie hat zwar selbst beim Einrichten mitgeholfen, war aber trotzdem überrascht als alles fertig war. „Die Couch ist der Renner und bei den Gästen besonders beliebt“, sagt Nicole Coniglio, die Leiterin der Dezentralen Heimversorgung. Sie erklärt: „Wir haben ein Ausstellungsstück gekauft, in verschiedenen Farben und verschiedenen Sitzstücken. Die Couch ist unsere Inklusionscouch, Sinnbild für uns Menschen, die wir ebenso alle verschieden sind.“

Verschieden sind auch die Produkte die es im „LieberTee“ zu essen und zu trinken gibt. Neben dem täglich wechselnden frischen Eistee, gibt es eine Auswahl an exklusiven warm zu trinkenden Teesorten. Die abwechslungsreichen Bagels sind beliebt: „Ob ‚der Südländer‘, mit Büffel-Mozzarella und Tomaten oder dem ‚Fischers Fritz‘ mit Lachs, Salat und Wildpreiselbeerdip – wir bekommen eigentlich nur positive Rückmeldungen.“ Der Renner seien aber auch die frischen Saisonkuchen, die zweimal in der Woche gebacken werden. „Als wir diese Tage frischen Zwetschgenkuchen gebacken haben, verbreitete sich der Duft und lockten viele Gäste an“, lacht Coniglio. Neben dem Getränke- und Essensangebot werden übrigens auch Produkte aus der direkt nebenan liegenden Arbeitstherapie zum Verkauf angeboten: Im Nebenraum werden zum Beispiel Kerzen oder Tonprodukte hergestellt. Ins Auge springt auch die Bücherwand. Unter dem Motto „Nimm eins, bring eins“ soll hier ein lebendiger Austausch stattfinden. Die schönen Bilder an der Wand sind übrigens von Hobbykünstler Hermann Riedel, der sie zur Ausstellung im Teehaus angeboten hat. Zusätzlich will das „LieberTee“ künftig auch mit Veranstaltungen locken: ein Hörspiel- sowie ein Trommelabend seien bereits in Planung.

Melitta Scherer-Hubertus freut sich auf die Aktionen im „LieberTee“ und ihr neues Leben in Merzig.  Ihre Freizeit will sie unter anderem bei Stadtbummel und im Schwimmbad verbringen. Den Kontakt zu ihren Freunden und Bekannten aus der Einrichtung will sie aber nicht abreißen lassen und die „Laurentiushöhe“ regelmäßig zu Veranstaltungen besuchen. Einige bekannte Gesichter begleiten sie aber auch auf dem Weg in ein eigenständiges Leben, denn künftig werden 24 Plätze in der Dezentralen Heimversorgung mit Wohnungen in Merzig vom Schwesternverband angeboten. Momentan arbeitet Melitta Scherer-Hubertus zusammen mit der weiteren Klienten im Teehaus - immer im Wechsel, eine Schicht dauert drei bis fünf Stunden. Betreut werden sie jeweils von einem Mitarbeiter, einer davon ist Michael Kiwitter. Der Ergotherapeut ist zufrieden mit seinen Mitarbeitern und auch mit der Kundschaft: „Es spricht sich langsam rum, dass es uns gibt und wir haben schon feste Stammkundschaft.“ Zum Herbstanfang erwartet er aber noch mehr Zulauf, denn dann beginnt schließlich die kalte Jahreszeit, in der ein warmer Tee einfach gut tut.