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18.06.2012

"Wie eine kleine Familie" - Erfahrungsbericht einer FSJ-lerin

Veronique Schäfer war FSJ-lerin in der Tagesförderstätte Autismus Saar


Fast ein ganzes Jahr lang arbeitete Veronique Schäfer aus Rehlingen-Siersburg (Gerlfangen) in der Tagesförderstätte Autismus Saar. Am 30. Juni 2012 verabschiedete sie sich von Klienten und Kollegen. Nun macht die 19-Jährige eine Ausbildung zur Notarfachangestellten. Was bleibt: Erinnerungen an eine aufregende Zeit und die Gewissheit, dass es sich lohnt, manchmal genauer hinzusehen und Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu beurteilen.

Aller Anfang ist schwer

Nach ihrem Abitur im Frühjahr 2011 war Veronique Schäfer erst einmal planlos: „Ich wusste einfach nicht, was ich nach der Schule machen sollte und wollte auch nicht unüberlegt irgendwas anfangen.“ Zum Glück meldete sich innerhalb ihres Bekanntenkreises eine Mitarbeiterin des Internationalen Bundes zu Wort, die ihr vorschlug ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren. Nachdem sich Veronique über die Rahmenbedingungen informiert hatte und sich vorstellen konnte, in den sozialen Arbeitsbereich reinzuschnuppern, wurde ihr auch schon die erste Stelle angeboten: in einer Einrichtung des Schwesternverbandes, der Tagesförderstätte für erwachsene Menschen mit Autismus in Saarlouis-Fraulautern.

„Nachdem mir der IB versicherte, dass die vorherigen FSJ-lerinnen (in der Tafö waren bereits sieben Damen als Freiwillige tätig – Anm. Red.) alle zufrieden waren und ich bei einem ersten Vorstellungsgespräch die Leiterin Frau Maas sowie die Mitarbeiter kennenlernte, die alle sehr lieb waren, habe ich direkt zugesagt“, erinnert sich Veronique. Doch aller Anfang ist schwer. „Es dauerte mehrere Wochen bis ich mich an die neue Situation und meine Arbeit mit den Klienten gewöhnt hatte. Ich ging manchmal mit Bauchweh auf die Arbeit, weil ich nie so richtig wusste, was mich erwartet und wie ich mich in bestimmten Situationen im Umgang mit den autistischen Menschen verhalten sollte“, so Veronique. Auch Elisabeth Maas, die Leiterin der Tagesförderstätte, blickt mit einem Lächeln zurück: „Veronique war die Panik oft in den Augen anzusehen. Sie war anfänglich wirklich mit der Situation überfordert, aber ich war beeindruckt, dass sie dabei geblieben ist und wie sehr sie sich nach und nach auf unsere Klienten eingelassen hat.“ „Alle Kollegen waren aber auch einfach super und ihr alle habt mir geholfen“, entgegnet Veronique ihrer Chefin.

„Ich hab sie einfach alle gern.“

Tatsächlich ist die Arbeit mit autistischen Menschen besonders anspruchsvoll. Die Menschen leiden an einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung, die es den Mitmenschen schwer macht, bestimmte Verhaltensweisen zu verstehen und dementsprechend zu reagieren. Mit Hilfe der Mitarbeiter der Tafö – ein 6-köpfiges Team aus Pädagogen, Heilerziehungspflegern, Erziehern und Ergotherapeuten – war bei Veronique nach den ersten beiden Monaten von Berührungsängsten nichts mehr zu spüren. Sie unterstützte die Angestellten bei der täglichen Betreuungsarbeit: Sie half im Haushalt mit, bereitete Frühstück und assistierte beim Mittagessen, begleitete die Klienten bei Einkäufen und Ausflügen und unterstützte wo sie nur konnte. Am liebsten aber betätigte sie sich zusammen mit den Klienten künstlerisch und malte zum Beispiel mit ihnen.

Am Ende ihres Freiwilligen Sozialen Jahres angekommen, überwiegen die positiven Erinnerungen und Veronique kann sagen: „Ich fühle mich hier so wie in einer kleinen Familie, ich hab sie einfach alle gern.“ Zurückblickend gibt es viele Eindrücke und  Momente, die sie wohl nicht vergessen wird: „Eine besonders schöne Situation war, als mich eine junge Autistin im Ruheraum tröstete. Ich hatte mich hingelegt, weil ich erkältet und mir nicht so gut war. Sie legte sich neben mich und meinte, ich soll nicht traurig sein, morgen geht‘s wieder besser.“ Aus diesem und vielen anderen Augenblicken hat Veronique auch gelernt: nämlich dass in jedem Menschen etwas Besonderes steckt: „Man muss immer genau hinsehen und dann entdeckt man in jedem Fähigkeiten und Charakterzüge, die man auf den ersten Blick niemals erahnt hätte.“

FSJ ist Orientierungshilfe

Dass Veronique ihr FSJ frühzeitig beenden wird, um eine Ausbildung zu beginnen, macht Elisabeth Maas und ihre Mitarbeiter etwas traurig: „Sie wird eine Lücke hinterlassen; wir konnten uns immer alle voll und ganz auf Veronique verlassen“, sagt die Einrichtungsleiterin. „Aber vielleicht kommt sie ja mal zu Besuch, das würde uns alle sehr freuen.“ Sie ist auch nicht enttäuscht, dass sich die FSJ-lerin nicht dazu entschlossen hat, im sozialen Bereich beruflich tätig zu werden: „So ein Jahr ist als Orientierungshilfe zu verstehen. Auch wenn die Freiwilligen beruflich nicht diesen Weg gehen, haben sie Einrücke und einen Blick für unsere Arbeit gewonnen.“

Das Freiwillige Soziale Jahr steht jungen Erwachsenen zwischen 16 und 27 Jahren offen. Es ist in fast allen Häusern des Schwesternverbands möglich, solch einen Freiwilligendienst zu leisten. Natürlich gibt es auch ein kleines Taschengeld. Ältere Menschen können den Bundesfreiwilligendienst nutzen. Dieser kann nicht nur im sozialen Bereich unserer Einrichtungen geleistet werden, sondern auch in der Technik, dem Fahrdienst oder der Gartenarbeit. Bei Interesse setzen Sie sich einfach mit der Leitung Ihrer Wunscheinrichtung in Verbindung.